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V. Seminar „Erzählte Welt – Erlebte Welt“Geleitet wurde das Seminar von Prof. Dr. Mihran Dabag und Dr. Medardus Brehl vom Institut für Diaspora- und Genozidforschung (IDG, Bochum). Weitere Referierten waren PD Dr. Shabo Talay (Erlangen) und Amill Gorgis (Berlin).
Einschließung und Ausschließung in Prozessen der Definition als Gemeinschaft
Die Moderne als EpocheEinleitend wurde das Konzept der »Moderne« geklärt. Dabei wurde deutlich, dass der Begriff der Moderne nicht verwechselt werden darf mit den Begriffen der Mode (als eines eher kurzzeitig populären Trends) oder des Modern-Seins im Sinne eines auf dem neuesten Stand der technischen Entwicklung-Stehens. Die Moderne ist hier als eine Epoche zu verstehen, die sich über spezifische Elemente definiert. Als Beginn der Moderne gilt dabei die europäische Aufklärung. Die Moderne beschreibt also einen bestimmten Zeitabschnitt, der durch einen Umbruch in allen Bereichen des individuellen, gesellschaftlichen und politischen Lebens charakterisiert wird und mit einem Prozess einhergeht, in dem überkommene Tradition, Religion und Glaube und ein eher empathisches Gemeinschaftsverständnis einer Prüfung unterzogen werden und schließlich der Rationalisierung, der Verwissenschaftlichung und Kommerzialisierung weichen. Zu den zentralen Elementen, die die Moderne ausmachen, zählen
Somit gibt die Moderne als Konzept klare Regeln vor, Vorstellungen von Moral, Staatlichkeit und Gesellschaft.
Gemeinschaft und GesellschaftEine besonders wichtige Unterscheidung ist innerhalb des Konzeptes der Moderne die Differenzierung von »Gemeinschaft« und »Gesellschaft«. Leitend ist dabei die Vorstellung eines notwendig voranschreitenden Übergangs von traditionellen Gemeinschaften hin zu einer modernen Gesellschaft, verbunden mit einer Ablösung von "traditionellen Kulturen", in denen das Individuum sich in Harmonie mit seinen Mitmenschen entfalten könne durch eine rational-kühle Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft, die durch Technik und Wirtschaft hervorgerufen und bestimmt werde. Paradigmatisch entwickelt worden war diese Vorstellung von dem Soziologen Ferdinand Tönnies: In einer »Gemeinschaft«, so Tönnies, haben zwischenmenschliche Beziehungen eine gefühlsmäßige Grundlage, sie werden um ihrer selbst willen eingegangen und unterhalten, nicht um irgendein Ziel zu erreichen. Wenn man so will, sind zwischenmenschliche Beziehungen in einer Gemeinschaft Selbstzweck. Nicht so in einer Gesellschaft. In einer Gesellschaft werden soziale Beziehungen aus rationalen Erwägungen eingegangen, das Handeln der Menschen ist hier zielgerichtet und sachlich. Das Bewusstsein, einer bestimmten, durch spezifische Bindungen und gemeinsame Traditionen charakterisierten Gruppe anzugehören ist für Tönnies wesentliches Kriterium einer Gemeinschaft. In ihr spielt die Vergangenheit, die Tradition ein große Rolle, man wird in diese Tradition und damit in die Gruppe hineingeboren, aus der man sich dann zumeist nicht mehr daraus lösen kann und lösen will. In der Gesellschaft dagegen befindet man sich nicht von Geburt an, sondern man tritt ihr bei. Nicht die Tradition, sondern die Zukunft ist bestimmend: Die »Gesellschaft« ist laut Tönnies ein Typ des ruhelosen Zusammenlebens. Den Übergang von »Gemeinschaft« zu »Gesellschaft« bezeichnet Tönnies als Modernisierung. Im Laufe dieses Modernisierungsprozesses würden also Tradition, Glaube, und Gemeinschaftssinn der Dynamik, Verwissenschaftlichung und Kommerzialisierung weichen. Gefühlsmäßige und spontane Beziehungen würden nach und nach durch Künstlichkeit und Sachlichkeit ersetzt. In Fortentwicklung dieses Gedankens entstand in der Moderne die Vorstellung, dass eine homogene Bevölkerung die Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft und für stabile Staatlichkeit sei. Dies bedeutet, dass eine homogene Gesellschaft nicht mehr aus vielfältigen Gemeinschaften besteht, sondern aus individualisierten Subjekten. Dass in der Moderne keine Gruppierungen, sondern die einzelnen Menschen und die Gesellschaft als Ganzes im Vordergrund stehen, wird unter anderem auch am Beispiel der Entwicklung der Menschenrechte als Individualrechte sowie die Abwandlung der Minderheitenrechte von Kollektivrechten hin zu Individualrechten deutlich. Die Stellung der aramäischen Gemeinschaft in der ModerneDas Konzept der Moderne stellt für die traditionelle Gemeinschaft der Aramäer eine große Herausforderung dar, denn der Glaube, die Kirche und die alten Traditionen, die bisher die Aramäische Gemeinschaft im Wesentlichen ausmachen und zusammenhielten, stehen den Grundparametern der Moderne entgegen. Außerdem werden die Aramäer heute im Kontext moderner Gesellschaften stets auch mit Werten und Identifikationsangeboten konfrontiert, die den traditionellen Werten der Gemeinschaft zu widersprechen scheinen. Hier stellt sich die Frage, welche Konzepte wir als aramäische Gemeinschaft in der Moderne entwickeln können, um die Gemeinschaft zu erhalten. Insbesondere die Frage nach den Möglichkeiten einer inneren Modernisierung der Gemeinschaft stellt sich als eine zu diskutierende Aufgabe, die einerseits in einer Prüfung der Gültigkeit der Traditionen und ihre Neuinterpretation für die Gegenwart besteht, andererseits in der Überlegung, welche Strategien der Institutionalisierung notwendig sind, um die aramäische Gemeinschaft für eine Zukunft in der Moderne zu stärken und eine Identität der aramäischen Gemeinschaft auch modern zu definieren. IdentitätsfindungFür ein Bestehen der Aramäischen Gemeinschaft in der Moderne sind also zunächst einmal die der Grundlagen dieser Gemeinschaft selbst zu definieren. Was macht die aramäischen Gemeinschaft aus? Wer soll zu dieser Gemeinschaft gehören und welches sind die Bedingungen seiner Zugehörigkeit? Welche Bedeutung werden Glaube und Religion zukünftig als Konstituenten der Gemeinschaft haben können? Wie wichtig wird die aramäische Sprache für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft sein? Konkret: Definiert sich die Gemeinschaft durch die Sprache, durch die Konfession und/oder durch die gemeinsame Geschichte? Es wurde die Frage aufgeworfen, ob nur die Mitglieder der Syrisch-Orthodoxen Kirche oder doch auch die Angehörigen der Chaldäischen und Assyrischen Kirche bzw. aller anderen syrischen Kirchen dieser Gemeinschaft angehören. Die Vorträge über die Geschichtsschreibung der einzelnen Konfessionen und über die Sprache der Mitglieder dieser Gemeinschaften sollten ein Aufschluss darüber geben. a) Die Konfessionen Amill Gorgis referierte über die Syrisch-Orthodoxe Gemeinschaft und ihre Gemeinsamkeiten mit der Assyrischen-Apostolischen und Chaldäischen Gemeinschaft, mit denen uns u. a. das Fasten oder die liturgische Sprache und die gemeinsamen Kirchenväter verbinden. Was diese Gemeinschaften voneinander trenne, seien nur die theologischen Streitigkeiten im 4. Jahrhundert. Es gehe darum, dass die einzelne Gemeinschaften ihre Geschichtsschreibung säkular verfassen, so würde man über die theologischen Dispute hinweg zu einer Einheit kommen. b) Die Sprache PD Dr. Shabo Talay spach über die Bedeutung einer gemeinsamen aramäischen Hochsprache und erarbeitete ein Konzept für ihre Entwicklung. Dabei wies er darauf hin, dass es zunächst wichtig sei, historisch zu definieren, was genau unter der Sprache »Aramäisch« zu begreifen sei, welche Sprachen oder Dialekte dazu gehörten. Des Weiteren fragte Talay danach, was hinter dem Begriff „gemeinsam“ stehe und welches Ziel mit der Entwicklung einer gemeinsamen Hochsprache überhaupt verfolgt werde. Talay kam zu dem Ergebnis, dass eine gemeinsame Hochsprache aus den beiden neu-aramäischen Dialekten des Westens und des Ostens erarbeitet werden könne. Ein Zurückgreifen auf das Syrische (Kthobonoyo) sieht er nicht als erforderlich. Vorstufe einer gemeinsamen Hochsprache wäre die Gründung einer Akademie für den westlichen Dialekt – das Surayt. Eine solche Institution sei für die Entwicklung und Pflege dieser Sprache unablässig. Die Konstruktion der Sprache, so etwa bei Wortneubildungen, müsse stets Hand in Hand mit dem Ostdialekt laufen. So könnee man langfristig in einer weiteren Entwicklungsstufe eine gemeinsame Hochsprache erarbeiten. Lösungsansätze für das kulturelle Überleben in der Moderne Abschließend wurde versucht, vor dem Hintergrund der Vorträge und intensiven Gespräche konkrete Perspektiven für die aramäische Gemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland zu diskutieren. Zunächst wurden nochmals die zuvor erarbeiteten Ergebnisse zusammen gefasst und insbesondere die Aufmerksamkeit auf das in der Moderne gültige Gemeinschaftsparadigma gelenkt: die Nation. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass für diese Gemeinschaftskonzept der Moderne insbesondere die Re-Konstruktion einer je eigenen nationalen Kultur, die Rückbesinnung auf eine literarische Tradition, insbesondere aber die Entdeckung der eigenen Sprache, ihrer wissenschaftlichen Durchdringung und Institutionalisierung größte Bedeutung hatten. Es entstanden Kompendien, Sammlungen von Volksliedern und Gedichten, die veröffentlicht wurden, Wörterbücher wurden erarbeitet und erste Grammatiken. Bei dieser Beobachtung setzte auch die Diskussion der Möglichkeiten einer modernen aramäischen Identität an. Auf die Bedeutung der Erarbeitung einer Hoch- oder Schriftsprache hatte Shabo Talay bereits hingewiesen, genauso wie auf die Bedeutung der Gründung einer Sprachakademie. Als zentrale Aufgabe der aramäischen Gemeinschaft wurde die Etablierung einer säkularen Struktur der Gemeinschaft erkannt, die Gründung säkularer Institutionen. Eine große Bedeutung für die Entwicklung, die Modernisierung und den Fortbestand der Gemeinschaft – so die einhellige Meinung der Teilnehmer – würde neben der Einrichtung einer gewählten Gemeindevertretung bzw. eines Gemeinderats insbesondere Stiftungen zukommen, weil so die Institutionalisierung von Kultur und Sprache der Aramäer durch Erforschung und Publikation finanziell garantieren werden könnten. Es wurden aufschlussreiche, interessante und sehr energisch diskutierte Themen angesprochen, die zum Nachdenken angeregt und die Problematik, aber auch die möglichen Perspektiven der Erhaltung unserer aramäischen Gemeinschaft verdeutlicht haben. |
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